Neujahrsansprache vom 4. Januar 2026
- jeanineglarner2
- vor 3 Tagen
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Folgende Neujahrsansprache habe ich am Neujahrsapéro der Gemeinde Möriken-Wildegg gehalten. Es gilt das gesprochene Wort.
Sehr geehrte Mitbürgerinnen und Mitbürger
Sehr geehrte Damen und Herren
Ich heisse Sie alle herzlich willkommen zum Neujahrsapéro der Gemeinde Möriken-Wildegg. Schön, Sie im neuen Jahr wieder zu sehen. Ich danke an dieser Stelle der Musikgesellschaft Möriken-Wildegg unter der musikalischen Leitung von Markus Fankhauser für die musikalische Umrahmung. Ebenfalls danke ich der Bäckerei sempre e insieme für den Apéro.
Geschätzte Damen und Herren, das neue Jahr hat in unfassbar tragische Art und Weise begonnen. Eine Sylvester-Party von zumeist ganz jungen Menschen ist in Crans Montana zur fürchterlichen Feuerhölle geworden. Diese Tragödie berührt unsere Herzen und wir sind in Gedanken bei den Opfern, deren Angehörigen und allen Verletzten, die um ihr Leben kämpfen. Ich bitte Sie, in Respekt und Ehre um einen Moment der Stille.
Ich danke Ihnen. Diese Tragödie ist die erste in diesem Jahr, schon 2025 ist das Wallis mit dem Bergsturz von Blatten hart getroffen worden. Es ist eines der unfassbarsten Ereignisse unseres Landes. Da ist von einem Moment auf den anderen das ganze Zuhause weg, begraben unter einem Schuttkegel.
So tragisch sie sind, beide Ereignisse zeigen uns auch, wie unglaublich stark unsere Katastrophenbewältigung ist. Da sind Milizorganisationen wie Regionales Führungsorgan, Feuerwehr, Zivilschutz unmittelbar an Ort und Stelle, in perfekter Abstimmung mit den professionellen Blaulichtorganisationen Polizei, Sanität, Luftrettung. Es ist immer wieder bemerkenswert, was unsere Gesellschaft in Milizarbeit zu leisten im Stande ist.
Diese Leute verlassen ihre Familie, ihren Beruf von einer auf die anderen Minute, um anderen Menschen in Not zu helfen. Meine Heldinnen und Helden des Jahres 2025 sind genau diese Menschen in unserem Land, die sich selbstlos engagieren.
Vor einem Jahr habe ich an dieser Stelle die starken demokratischen Institutionen gelobt und der Überzeugung Ausdruck verliehen, dass ein amerikanischer Präsident mit einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung in der ältesten modernen Demokratie unserer Welt und starken Institutionen nicht einfach tun und lassen kann, was er will. Das Jahr 2025 hat mich eines Besseren belehrt, auch wenn ich immer noch davon überzeugt bin, dass dies zwar kurzfristig offensichtlich funktioniert, aber mittel- und langfristig die Institutionen eben doch zu stark für ein solches Gebaren sind.
39 ist wohl die Zahl des Jahres, ausgerechnet am 1. August erreichte uns der Zollhammer von 39 Prozent. Wir haben uns gefragt, warum gerade die Schweiz mit eine der höchsten Zölle bestraft wird, obwohl wir praktisch in allen Bereichen keine Zölle kennen? Die Kritik am Bundesrat konnte ich nicht ganz nachvollziehen, hat er aus meiner Sicht doch alles daran gesetzt, sowohl vor dem Zollhammer als auch nachher, das beste für die Schweiz herauszuholen. Der Bundesrat hat aber wohl nur eines unterschätzt, nämlich das machoiden Verhalten des US-Präsidenten. Er hält es nicht aus, wenn ihm starke Frauen auf Augenhöhe bzw. weitaus höher begegnen.
So tickt er, das können wir gut oder schlecht finden, es ist einfach eine Tatsache. Wir können uns dann auch fürchterlich darüber auslassen, dass Schweizer Wirtschaftsführer ihm im Oval Office den Hof gemacht haben – doch für mich zählt das Resultat. Zwar immer noch hohe 15, aber keine 39 Prozent Zölle mehr.
Doch etwas gebe ich Ihnen gleich mit auf den Weg: Bei mir punkten Sie weder mit einem Goldbarren noch mit einer Rolex, auch mit einer Büchse voller 5-Räppler beissen Sie bei mir auf Granit.
Mich beeindrucken Menschen, die sich selbstlos und aus Eigenantrieb für die Gemeinschaft einsetzen ohne immer zuerst zu fragen, was denn der materielle Gegenwert für dieses Engagement ist. Davon gibt es in unserer Gemeinde ganz viele Leute, über 100 davon konnten wir im Dezember zu unserem traditionellen Kommissionsessen einladen.
Ich bin stolz darauf, dass wir in unserem Möriken-Wildegg Traditionen pflegen und gemeinsam Grosses auf die Beine stellen – wie ein Jugendfest, ein Oldtimer-Traktorentreffen, einen Weihnachtsmarkt.
Und ich lasse mir die Freude an solchen Festen auch nicht durch Dauernörgeler vermiesen, die immer an irgendetwas auszusetzen haben – ohne aber selber mal anzupacken und mitzumachen.
Ja, es ist nicht alles perfekt und es wird auch nie alles perfekt sein. Der spanische Maler Salvador Dalì sagte mal: „Hab keine Angst vor Perfektion – du wirst sie nie erreichen.» Perfektion darf auch nicht unser Anspruch sein. Es geht darum, gemeinsam etwas zu schaffen, gemeinsam unser Dorf zu gestalten, gemeinsam die Zukunft vor Augen zu haben. Und, mit den uns zur Verfügung stehenden Mitteln das Optimum zu erreichen. Immer mehr geht immer, es ist aber eine Frage des Preises: nicht nur des finanziellen Preises, sondern vor allem des gesellschaftlichen Preises. Wenn wir von der Gemeinschaft Perfektion erwarten, dann wird sie nicht mehr bereit sein, dieses Miliz-Engagement an den Tag zu legen.
Was hat uns 2025 sonst noch bewegt? Etwa die äusserst erfolgreiche Ski-WM mit 13 Medaillen und 5 Weltmeistertiteln. Oder wie Frauen zeigen, dass Fussball eben ein wunderschönes Spiel mit vielen Emotionen und Respekt sein kann – ganz ohne Krawall, Schwalben, Laientheater. Einfach ein Fest. Am schnellsten und besten nimmt Ditaji Kambundji die Hürden. Ihr WM-Goldlauf wird in die Schweizer Sportgeschichte eingehen.
Viola Amherd hat kurz nach ihrem Präsidialjahr den Hut genommen, ich denke nicht aufgrund unserer Bundesfeier im letzten Jahr. Papst Franziskus ist am Ostermontag verstorben, nachdem er sich am Ostersonntag noch den Gläubigen auf dem Petersplatz gezeigt hat. Neben Papst Franziskus haben weitere Grössen wie Ozzy Ousburne, Robert Redford, Claudia Cardinale oder Giorgio Armani unsere Welt verlassen.
Und in England muss der Prinz aus dem Palast ausziehen, er ist nur noch Andrew. Für den Umzug kann er ja den Umzugslift verwenden, über welchen die Kronjuwelen von Napoleon im Louvre gestohlen wurden.
Ich komme zu meinem Ausblick auf das neue Jahr, das uns hoffentlich viele Goldmedaillen an den olympischen Spielen, den Weltmeistertitel im Eishockey und Fussball, Frieden in der Ukraine und im Nahen Osten, Zuversicht und Freude bringen wird.
Politisch steht die Schweiz vor einer Zerreissprobe. Den Auftakt haben wir bereits im vergangenen Jahr erfahren, als Parteien und Verbände bereits vor Bekanntwerden der Inhalte wussten, dass die ausgehandelten Verträge mit der Europäischen Union fürchterlich oder sensationell sind. Ich staune immer wieder, wie Parteien und Verbände solche – aus meiner Sicht unverantwortlichen – Beurteilungen vornehmen können. Ob ein Kaufvertrag, Mietvertrag oder Pachtvertrag für mich gut ist, kann ich doch erst beurteilen, wenn ich ihn gelesen – und verstanden (!) – habe. Ich habe mir die Mühe genommen und habe über den Sommer das Stromabkommen vollständig studiert, den erläuternden Bericht des Bundesrats zu den institutionellen Fragen und zum Personenfreizügigkeitsabkommen gelesen. Als Staatsbürgerin sehe ich es als meine Pflicht, mich an den Primärquellen zu orientieren und nicht einfach Podcasts zu hören, politische gefärbte Kolumnen zu lesen oder Haltungen nachzuplappern. Meine Erkenntnis aus der Diskussion des vergangenen halben Jahres: Lesen Sie diese Unterlagen selbst und bilden Sie sich Ihre eigene Meinung. Ich habe mir meine gebildet und sie steht derjenigen vor dem Lesen der Texte diametral entgegen.
Ich mache mir aber Sorgen, dass unsere politische Kultur an der EU-Frage zerschellen und unser Land tief gespalten zurücklassen wird. Ich komme zurück auf den gesellschaftlichen Preis, den der Bundesrat aus meiner Sicht völlig unterschätzt. Ist uns diese institutionelle Anbindung an die EU so viel wert, den Zusammenhalt in unserem Land auf’s Spiel zu setzen? Nur eines ist sicher, das wird uns in den nächsten Monaten und Jahren beschäftigen.
Bereits vor einem Jahr habe ich an dieser Stelle das Bundesparlament der Arbeitsverweigerung bezichtigt. Leider hat es die Ernsthaftigkeit der Bedrohungslage auch im 2025 noch immer nicht verstanden. Wenn Russland die Ukraine besiegt, stehen die Russen quasi an den Toren St. Gallens. Denn zwischen der Ukraine liegen nur noch das pro-russische Ungarn und das in Verteidigungsfragen noch schlechter als die Schweiz aufgestellte Österreich. Es ist höchste Zeit, die Prioritäten in unserem Land auf die Verteidigungsfähigkeit auszurichten. Denn: ohne Sicherheit keine Freiheit, ohne Sicherheit kein Wohlstand und ohne Sicherheit keine Kultur, keine Schulen, keine Arbeitsplätze, keine Umwelt – nichts. Eine eigentlich sehr simple Gleichung, könnte man meinen…
In unserer Gemeinde ist eine neue Legislatur gestartet. Das neu zusammengesetzte Gremium wird sich finden müssen, bevor zu grossen Sprüngen angesetzt werden kann.
So viel ist aber sicher: Wir freuen uns, bald die neue Dreifachturnhalle eröffnen zu können. Ich bin stolz darauf, dass wir innert nicht einmal drei Jahren von der ersten Idee über den Standort bis zur Übergabe an Schule und Vereine ein solches Projekt auf die Beine gestellt haben. Das hat Vorbildcharakter.
Bald geht auch der Bau des neuen Oberstufenschulhauses los. Bei all diesen wichtigen Projekten geht aber auch die alltägliche Arbeit weiter. Damit unsere Gemeinde auch in der Zukunft gut aufgestellt sein wird, sind weitere Anstrengungen für eine nachhaltige Finanzierbarkeit aller Aufgaben notwendig. Strukturen anpassen, Prozesse verschlanken, alle Aufgaben und deren Art der Bereitstellung hinterfragen, Dienstleister herausfordern, Bewährtes stärken, Veraltetes über Bord werfen. Ein Ausruhen auf den Lorbeeren bedeutet Stillstand, Stillstand bedeutet Rückschritt.
Und: Es werden wichtige Weichen für die Entwicklung von Wildegg gestellt: Umfahrung, Velowege, neuer Wohn- und Gewerberaum in der Lauématt, in der Sagi, am Bahnhof.
Sie werden auch künftig über Vorschläge an Gemeindeversammlungen abstimmen. Sie haben wie immer in der Demokratie das letzte Wort. Ich wünsche mir allerdings, dass die Teilnahme an der Gemeindeversammlung nicht aus Eigeninteresse nur dann erfolgt, wenn es Sie selbst betrifft oder ein Thema zur Abstimmung kommt, das Sie besonders interessiert. Ich wünsche mir, dass Sie immer an die Gemeindeversammlung kommen, aus Interesse an unserer Gemeinde und Gemeinschaft.
Ich wünsche Ihnen allen ein fröhliches, neues Jahr bei guter Gesundheit, mit viel Freude und immer eine Prise Gelassenheit. Zum Wohl!
